A4.2 Systemische Reaktion auf eine Operation
Thema
Ein größerer chirurgischer Eingriff beschränkt sich nicht auf die Tumorentfernung: Zusätzlich zu dieser Entfernung löst er eine systemische Wirtsreaktion aus, die zahlreiche physiologische Systeme im Körper des Patienten beeinflusst, weit über das Operationsgebiet hinaus.
Diese systemische Wirtsreaktion umfasst mehrere gleichzeitig auftretende Veränderungen: eine akute Entzündungsreaktion mit einem Anstieg entzündungsfördernder Substanzen im gesamten Körper; die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, die einen deutlichen Anstieg des Cortisolspiegels verursacht; eine vorübergehende Immunsuppression, die das Immunsystem des Patienten vorübergehend schwächt; Veränderungen der Blutgerinnung, die den Patienten nach der Operation in einen prokoagulatorischen Zustand versetzen; sowie weitere hämodynamische und metabolische Störungen.
Die Bedeutung dieser systemischen Wirtsreaktion für Krebs geht weit über die üblichen Komplikationen nach einer Operation hinaus: Die durch den Eingriff hervorgerufene vorübergehende Immunsuppression schafft ein Zeitfenster der Vulnerabilität, in dem bereits vorhandene, bis dahin inaktive Mikrometastasen reaktiviert werden und sich als neuer Krankheitsherd etablieren können.
Dieses Zeitfenster erhöhter Anfälligkeit für ruhende Mikrometastasen öffnet sich auch über einen anderen, von der vorübergehenden Immunsuppression unabhängigen Weg: Während der Wundheilung setzt der Körper Wachstumsfaktoren frei, die die postoperative Angiogenese, also die Bildung neuer Blutgefäße, stimulieren. Diese Wachstumsfaktoren können auch ruhende Mikrometastasen aktivieren, selbst ohne Immunsuppression.
Somit stellen die vorübergehende Immunsuppression und die postoperative Angiogenese zwei unterschiedliche Wege dar, die durch einen größeren chirurgischen Eingriff selbst in Gang gesetzt werden und beide zum selben Ergebnis führen: Ruhende Mikrometastasen, die während der Operation weder erkannt noch entfernt werden konnten, werden aktiv. Die systemische Reaktion des Wirts auf einen größeren chirurgischen Eingriff ist daher nicht bloß ein Phänomen der postoperativen Erholung, sondern ein aktiver Bestandteil des onkologischen Verlaufs des Patienten mit Folgen, die weit über das Operationsgebiet hinausreichen.
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