M10 HPA-Achse und chronischer Stress
Thema
Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) koordiniert die systemische physiologische Stressreaktion über eine sequentielle Hormonkaskade: Stress veranlasst den Hypothalamus zur Freisetzung von Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH), welches die gesamte Kaskade der HPA-Achse initiiert.
Dasselbe CRH stimuliert wiederum die Ausschüttung eines zweiten Hormons in der Hypophyse, des adrenocorticotropen Hormons (ACTH). Je mehr ACTH die Hypophyse ausschüttet, desto stärker ist die Cortisol-Ausschüttung, die dieses Hormon in der Nebennierenrinde induziert. Dadurch wird die bereits im Modell der Major Depression beschriebene Cortisol-Dynamik fortgesetzt.
Das zirkulierende Cortisol übt eine negative Rückkopplung auf Hypothalamus und Hypophyse aus: Je mehr Cortisol zirkuliert, desto stärker hemmt es die Freisetzung von Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Adrenocorticotropin (ACTH) und schließt so den Regelkreis, den die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) selbst nutzt, um ihre Aktivität in einem stabilen Bereich zu halten.
Wird die HPA-Achse jedoch unter chronischem Stress wiederholt und über einen längeren Zeitraum aktiviert, führt diese wiederholte Aktivierung zu einer akkumulierten allostatischen Belastung. Je größer diese akkumulierte allostatische Belastung ist, desto stärker wird die negative Rückkopplung, die den Regelkreis zuvor regulierte, desensibilisiert. Diese Desensibilisierung der negativen Rückkopplung wiederum perpetuiert die Dysregulation der HPA-Achse.
Diese chronische Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) beeinflusst zwei weitere Prozesse: Zum einen fördert sie die bereits in einem anderen Modell dieses Katalogs beschriebene, durch Mikroglia aufrechterhaltene Neuroinflammation; zum anderen übt ein anhaltend erhöhter Cortisolspiegel eine direkte toxische Wirkung auf die neuronale Population des Hippocampus aus und beeinträchtigt dessen Neurogenese. Verstärkt wird dies durch die bereits im Modell der Major Depression beschriebene Suppression des brain-derived neurotrophic factor (BDNF). Insgesamt ist es eben diese HPA-Achse mit ihrer sequenziellen Hormonkaskade aus Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH), Adrenocorticotropin (ACTH) und Cortisol, ihrer regulatorischen negativen Rückkopplung und deren Desensibilisierung unter akkumulierter allostatischer Belastung, die darüber entscheidet, ob die Stressreaktion reguliert bleibt oder chronisch wird, die hippocampale Neurogenese schädigt und Neuroinflammation fördert.
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